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2006:
Eschweiler – Nias
und zurück, ein Reisebericht März
2006 .........nun sind wir schon über eine Woche zurück aus
Indonesien. Bevor die Eindrücke allmählich beginnen zu verblassen,
wird es Zeit, ein wenig von unserer langen Reise zu erzählen. In den
vergangenen Tagen waren wir in Gedanken noch mehr in Indonesien als
hier...die Seele geht ja bekanntlich zu Fuß....inzwischen aber hat die
kleine Nati ihre Oma/Opa selbstverständlich sofort in Anspruch genommen
und uns mental wieder nach
Deutschland geholt. Fünf
Wochen zuvor konnten wir nicht schnell genug nach Indonesien kommen... Anreise
Nach
einem guten Flug ab Frankfurtmit den neuen Airbussen von Quatar- Airways
landeten wir am Sonntag, 5. Februar um 12.00 Ortszeit in Kuala Lumpur. Die
Fluglinie Quatar Airways kann man nur empfehlen: Neue Airbusse, prima
Service! Nicht empfehlenswert der Heimatflughafen Doha, der mit dem
Passagieraufkommen heftig überfordert ist. Vier Stunden Zwischenstopp um
Mitternacht – eine Zumutung . Zu wenig Sitzplätze im
Transitbereich, dazu noch zu wenige Toiletten. Dagegen zu viele flugwillige
Wüstensöhne mit von Kopf bis Fuß schwarz verschleierten
Ehefrauen im Schlepptau... so bitte nicht, aber mach mal was! Dagegen
der neue Flughafen von Kuala Lumpur ein architektonisches Schmuckstück,
weitläufig, großzügig
für den Flugverkehr der Zukunft ausgelegt. Da ließen sich sechs Stunden Warten auf den
Anschlussflug schon eher aushalten. Abends um 18.00 Uhr dann der einstündige
Weiterflug nach Medan / Sumatra. Raus aus dem klimatisierten
Flughafengebäude und rein in das 30° schwülheiße
Tropenklima der Großstadt Medan. Willkommen in Indonesien..... aber
eigentlich wussten wir ja, was uns erwartete. Im
Hotel „Ibunda“, einem kleinen Hotel in der Innenstadt, trafen wir
uns dann mit Ama Rini, Yunis jüngerem Bruder, der extra aus Nias
angereist war, um uns abzuholen. Gekommen waren auch Nichte Rini (23) und
Neffe Tian (21), beide Studenten, sowie unsere Freunde Ama und Ina Dewi.
Große Wiedersehensfreude, gemeinsames Abendessen und Besprechung der
Weiterreise nach Nias. Nach einer
vom Jetlag gestörten Nachtruhe dann am Montag, Erledigungen und
Einkäufe für Nias in der City von Medan. Die Stadt boomt. Es wird
überall gebaut und der Verkehr brodelt bis in die späte Nacht. Erst
gegen 2.00 bis 3.00 Uhr kommt die City etwas zur Ruhe. Damit ist es dann
gegen 4.30 Uhr vorbei, wenn die Muezzins aus allen Lautsprechern der
unzähligen Moscheen ihr ‚Allahu akbar’ (Gott ist groß)
in den neuen Morgen plärren. Der Aufruf zur Gottesverehrung als
kakophonisch multilateraler Angriff auf das kommunale Trommelfell....der
Prophet Mohammed hatte sicher noch keine Ahnung von der
Leistungsfähigkeit elektronischer Musikverstärker! Er hättte
sicher eine Extrasure für den Sangeswettstreit konkurrierender Muezzins
verfasst... Der
erste Tag in Indonesien provozierte bei mir auch gleich den ersten Einsatz
des bewährten „Kampfmittels“ Immodium: Obwohl ich auf den
Genuss von kaltem Bier wohlweislich verzichtet hatte, reagierte mein Darm mit
einer eintägigen Protestdiarrhö gegen die ungewohnten
Verhältnisse. Ich wusste, dass das irgendwann passieren würde, aber
gleich am ersten Tag, das war doch überraschend. Am
Dienstagmorgen dann die Abfahrt nach Sibolga an die Westküste.
Wegen des vielen Gepäcks
hatten wir auf einen Flug verzichtet und einen Kleinbus gemietet, der uns
alle – d.h. uns beide, Ama Rini, Rini und Tian – zusammen
verfrachten konnte - Acht Stunden Autofahrt 300 km quer durch Sumatra bei strahlend schönem
Wetter vorbei an dem großen Kratersee des Toba. Obwohl ich die Strecke
schon so viel Male zurückgelegt habe, bin ich immer wieder fasziniert
von der wilden Schönheit Nordsumatras und seiner bunten Dörfer und
Städte. Der Autoverkehr ist stark angewachsen, und die schmale Überlandstrasse -
noch in holländischer Kolonialzeit für damalige Bedürfnisse
projektiert – ist inzwischen gefährlich überlastet.
Indonesische Autolenker steuern ihre Fahrzeuge mit atemberaubender
Kühnheit, und manchmal klappt’s dann doch nicht mehr... schwere
Unfälle häufen sich, obwohl die ‚Polisi’
protokollträchtig auf Helm und Anschnallpflicht kontrolliert. Gegen
18.00 Abends waren wir dann im Hafen von Sibolga. Hunderte von Passagieren
mit Bergen von Gepäck machen
sich bereit für die Überfahrt nach Nias. Plätze auf der
Fähre hatte Ama Rini schon reservieren lassen. Er ist ein praktischer
Organisator, der überall seine Leute hat, sodass wir uns überhaupt
nicht um das Reisemanagement kümmern mussten. Nachdem noch einige LKW im
Bauch der Fähre vertäut waren, legte das Schiff gegen 20.00 Uhr ab. Yuni
und ich hatten ein Spezialarrangement: die gegen Aufpreis vermietete
Kajüte des 1. Steuermanns
mit zwei Betten und Ventilator, der auch dringend gebraucht wurde
gegen die Stauhitze....wir schliefen mit Venti- Kühlung
einigermaßen gut und erwachten am frühen Morgen mit einer
gemeinsamen Erkältung, deren Hustenkatharr mich noch eine Woche in Nias
verfolgte. Yuni wurde eigentlich die ganze Reise von ihm geplagt und hat noch
ein wenig davon mit nach Deutschland gebracht. Nias –
Gunung Sitoli
Nias
präsentierte sich am Mittwoch gegen 6.00 Uhr früh trüb und
regenverhangen. Die Leute sagten uns, es wäre die Wochen vorher sehr
heiß und trocken gewesen, und der Regen hätte endlich eine
willkommene Abkühlung gebracht. Wir fanden das als Willkommensgruß
nicht so toll... Auch
in Gunung Sitoli hatte Ama Rini schon für einen Kleinbus gesorgt, der
uns am Hafen abholte. Auf der Fahrt zum Haus von Yunis Cousin konnten wir
schon ein wenig von dem sehen, was von der Stadt nach dem Erdbeben übrig
war: Viele von Trümmern geräumte Flächen an den Hauptstrassen,
an denen sich früher zwei und dreistöckige
Geschäftshäuser der chinesischen Geschäftsleute aneinander
reihten. Dazwischen auch Bauten, die das Beben offensichtlich
überstanden hatten, und hier und dort Zeltquatiere von Obdachlosen, die
sich weiterhin durch die öffentliche Hilfe versorgen lassen und diesen
Status auch nicht so schnell aufgeben wollen – ein
Problem spezieller Art. Die
Stadt soll beim Wiederaufbau nach den Plänen der Regierung ein neues
Zentrum bekommen. Davon war allerdings noch nichts zu sehen. Jedoch
waren überall provisorische Verkaufsstände
errichtet, und die Strassen voller Menschen und Verkehr. Das Leben hat sich
weitgehend auf einem neuen Level eingespielt. Wir
wollten an diesem Tag noch bis Lahewa, Yunis Heimat, durchkommen, blieben
deshalb nur zu einem kurzen Besuch bei Yunis Cousin Ama Agus und starteten
gegen 10.00 Uhr endlich in Richtung Nordnias. Die Strasse war ca 20 km weit
für Autos einigermaßen gut befahrbar. Danach ging es die nächsten 60 km bis
Lahewa mit gelegentlicher
Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h weiter. Erwähnenswert besonders
der Zustand der vor Monaten vom Militär errichteten Behelfsbrücken,
die in Deutschland samt und sonders für jeglichen Verkehr polizeilich
gesperrt würden. Die Chauffeure befahren diese gefährlichen
Wege täglich mit
bewundernswertem Geschick und Gleichmut.
Erstaunlich, was Mensch und Maschinen alles ertragen. Für die
letzten 6 km zwischen Lafau und Lahewa hätte die
Straßenverkehrsbehörde täglich eine Tracht Prügel verdient, solange sie nicht in der
Lage ist, 10 Lastwagen Steine/ Kies in die knietiefen Löcher dieser
Provinzstraße zu kippen. Von den allmählich nicht mehr befahrbaren
Behelfsbrücken ganz zu schweigen. Nias –
Lahewa
Gegen
13.00 Uhr war Lahewa dann endlich erreicht. Seit 1999 waren wir nicht mehr
hier. Große Freude und viele Tränen beim Wiedersehen mit Yunis
Familie in Lahewa. Alles war vorbereitet für unser Kommen. Wir staunten:
Ama Rini hatte das Elternhaus, das er jetzt mit seiner Familie bewohnt,
soweit wieder aufgebaut, dass wir als Gäste komfortabel untergebracht
werden konnten. Drei Wochen vor unserer Ankunft war der Wiederaufbau so weit
fertig gestellt, dass die Familie wieder im Haus übernachtete, was sie
seit Ende März 2005 aus traumatischer Angst vor nächtlichem
Erdbeben nicht mehr getan hatte. Unser bevorstehender Besuch hatte diesen
Schritt in die Normalität provoziert. Yunis
Schwester- Ina Risna - hatte sich extra eine Woche Urlaub genommen. Sie ist
Oberschwester an der örtlichen Poliklinik. Ihr Haus war schon etwas
länger wieder aufgebaut. Mit der Einweihung, die in der folgenden Woche
stattfinden sollte, hatte man extra auf uns gewartet. Wir hatten uns gefreut,
endlich ihre jüngste Tochter, die kleine 5-jährige Yesti, zu sehen,
die wir noch nicht kannten. Yesti kannte uns nur von Fotos und ließ
sich jetzt auch Zeit mit der Annäherung. Erst nach einer Woche war sie bereit, uns als
selbstverständliche Familienmitglieder zu akzeptieren. Der
erste Abend wurde sehr lang. Es gab so viel zu erzählen und zu
berichten. Wir hatten Fotos von der kleinen Nati und unseren Kindern dabei,
deren Grüße wir übermittelten, ( man hatte gehofft, dass sie
auch mitgekommen wären.. usw. ) Aber
zwei Themen waren von besonderer Bedeutung: Das Erdbeben und der
plötzliche Tod des Bruders Ama Fati, der am 13. Dezember 2005 in Kalimantan
gänzlich unerwartet an einem Herzversagen gestorben war. Zu seiner
Beerdigung drei Tage später in Yogyakarta (Jawa) konnten die Geschwister
Ama Rini und Ina Risna gerade noch rechtzeitig anreisen. Eigentlich wollten
sich alle vier Geschwister – einschließlich Ama Fati - nach den
Ereignissen des Erdbebens in der Heimat Lahewa treffen, um gemeinsam das Grab
der Eltern zu besuchen. So war das im Oktober 2005 noch mit Ama Fati abgesprochen.
Nun musste für ihn selbst ein Totengedenken (Doa syukuran) in seiner Heimat
Lahewa festgesetzt werden. Es sollte am folgenden Samstag, dem 11. Februar
gehalten werden. Etwa 200 Gäste folgten der Einladung, für die nach
der Adat (überliefertem Recht) drei Schweine geschlachtet/geopfert
wurden. Das war die Familie dem Ansehen und Rang des ältesten Bruders schuldig.
Für die Geschwister eine selbstverständliche Geste dem toten Bruder
gegenüber. Nias - Das
Erdbeben
Das
erlebte Erdbeben kam in den
zwei Wochen unseres Besuchs bei
allen möglichen Gelegenheiten zur Sprache, besonders dann, wenn
plötzlich eines der kurzen
Nachbeben zu spüren war. Das passierte mehrere Male. Aber man
nahm das bisschen Zittern gar nicht mehr ernst, lachte und erzählte dann
von jener furchtbaren Nacht des 28. März 2005, in der die Erde so stark
schwankte und bebte, dass sich während der Erdstösse niemand mehr
auf den Beinen halten konnte, und mit einem gewaltigen vertikalen Ruck die
mehrstöckigen Häuser zum Einsturz kamen. Das Beben erreichte in
jener Nacht die Stärke von 8,7 R. Drei Tage wollte sich die bebende Erde
danach nicht beruhigen. Auch
wenn dann abends die Stromversorgung
wieder einmal für Minuten oder mehrere Stunden zusammenbrach,
dann erinnerte man sich der plötzlichen Dunkelheit der Erdbebennacht, in
der man beim Schein von Taschenlampen versuchte, Angehörige zu finden
oder Verschütteten und
Verwundeten zu helfen, immer in der Angst vor einer drohenden Tsunami. Und
diese Angst war begründet: das Meer hatte sich weit vom Strand zurückgezogen und eine
zurückkommende Flutwelle war zu erwarten. Die kam Gott sei Dank aber
nicht. Was man erst später ungläubig feststellen konnte: das
Seebeben hatte den Norden der Insel Nias um ca. 2 Meter angehoben, was zum
Zurückweichen des Meeres geführt hatte. Ich habe an mehreren Tagen
die Nord- und Weststrände von Nordnias besucht und diese neuen Strandlinien
fotografiert. Besonders folgenreich war der angehobende Meeresboden für
den Hafen von Lahewa: Der gerade neu fertiggestellte Pier ist
eingestürzt, und die Schiffe müssen wegen der zu geringen
Wassertiefe weit draußen ankern. Die Ladung muss mit kleinen Booten
geleichtert werden, ein umständliches und die Preise der Waren
verteuerndes Unternehmen. Der Neubau des Kais soll noch dieses Jahr
erfolgen.... In
den Tagen unseres Besuchs trafen wir immer wieder Freunde und Bekannte, die
durch das Erdbeben nicht nur Hab und Gut, sondern auch Angehörige
verloren hatten. Über 40 Tote hatte Lahewa zu beklagen. Und die
Überlebenden hatten unglaubliche Geschichten ihrer Rettung zu
erzählen, wie Ina Erna, Geschäftsführerin der Palmölfabrik
am Hafen, die kopfschüttelnd erzählte, wie sie durch einen
Geldtresor gerettet wurde, der die fallende Betondecke aufgehalten hatte.
Sie wollte während des
Erdbebens den Tresorschlüssel in Sicherheit bringen, für den sie
verantwortlich war. Wäre sie in ihrem Zimmer geblieben, so wäre sie
wahrscheinlich tot, wie die anderen drei Hausangestellten, die von der
einstürzenden Decke erschlagen wurden. Wayin,
ein alter Freund von uns, verdankt sein Leben zwei Kühlschränken,
die die einstürzende
Betondecke aufgehalten hatten, und seinem Bruder, der ihn nach Stunden mit
Hammer und Meißel aus den Betontrümmern befreien konnte. Vater und Mutter starben im Schlafraum
nebenan. Die Schwester starb Wochen später an Tetanus, den sie sich
durch eine Schnittwunde an der Hand zugezogen hatte. Ein
sechs Monate altes Baby, dessen Eltern und Geschwister von den
einstürzenden Mauern erschlagen wurden, überlebte drei Tage in
einer Trümmerlücke, ehe man es aufspürte und ins Krankenhaus
nach Medan ausflog. Das Kind lebt heute gesund im Dorf der Großeneltern einige
Kilometer außerhalb von Lahewa. Diese
und ähnliche Geschichten sind präsent auch fast ein Jahr nach der
Katastrophe. Beeindruckend und berührend mit welcher Kraft und
Zuversicht viele Leute mit ihrem wahrlich nicht leichten Schicksal umgehen.
Leben und Tod sind ganz nah beieinander. Gott der Herr des Schicksals und
muss wissen, was er tut, so die Überzeugung der Menschen. Fast ein Jahr
danach sind die Tränen getrocknet und man hofft auf die sich ereignende
Zukunft. Nias - Lahewa im Februar
2006 Die
Aufbauarbeit der Hilfsorganisationen (NGO) zeigt Wirkung. -
Lahewa hat wieder fließendes Wasser aus der Wasserleitung. OXFAM, eine
australische Hilfsorganisation, hatte schon die Wasserversorgung wieder in Ordnung gebracht. - Die meisten Haushalte sind wieder an
die elektr. Stromversorgung angeschlossen. - Ein Mobilfunkanbieter hat den
Ortsbereich an das Netz angeschlossen, und man kann per Handy mit dem
indonesischen Inland
telefonieren. Nias
ist in den letzten Jahren vom Fahrrad auf Honda umgestiegen. Groß und
Klein, mit und ohne Führerschein fährt Motorrad. Ein Volk von
Querfeldein–Fahrkünstlern bewältigt unsägliche
Wegbedingungen, die ganze Familie im Huckepack, wenn nötig. Es gibt auch professionelle
Motorradtaxifahrer, die im Volksmund RBT genannt werden (Rakyat Banting Tulang = Volk
hält die Knochen hin) Sie sind die absoluten Honda-Cowboys und fahren dich
überallhin, vorausgesetzt der Preis stimmt. Auch Schwager Ama Rini mit
mir auf dem Rücksitz zeigte auf einer Fahrt nach G.Sitoli in zwei
Stunden, wozu er und seine neun Jahre alte 250ccm Honda im Stande sind. Ein
Bravourritt über Stock und Stein. Ich erwies mich als einfühlsamer
Copilot und wurde dafür ausdrücklich gelobt. Der
Besuch in Gunung Sitoli verstärkte in mir den Eindruck, dass der Wiederaufbau in Bewegung kommt. Im
Stadtgebiet war eine moderne Straßenbelag–Maschine dabei, die
Straßen mit belastungsfähigem „Hotmix“- Asphalt zu
versehen. Die
Arbeit von ca 60 Hilfsorganisationen zeigt Wirkung, auch wenn man bei
näherem Hinsehen wahrscheinlich einiges zu kritisieren hätte. Aber
über ihre Projekte kommt auf vielen Ebenen Kapital und Arbeit in den
kleinen Wirtschaftskreislauf und erzeugt das Gefühl eines einsetzenden
Aufschwungs. Damit sind natürlich die allgemeine Unterentwicklung, die
Armut und das Problem der Überbevölkerung nicht über Nacht zu
lösen. Aber psychologisch wichtig ist ja auch das Gefühl, dass sich
etwas tut. Die
neue Regierung des wiedergewählten Bupati Binahati Baeha – aus der Pfarrei
Lahewa stammend - wird sich an diesen Erwartungen messen lassen
müssen. Im Wahlkampf, den
wir direkt miterlebten, wurde wie überall in Wahlkämpfen,
Gewaltiges versprochen. Den Beweis, dass man zu einer soliden Wiederaufbauarbeit
fähig ist, ist die entsprechende Behörde BRR bis jetzt noch
schuldig geblieben. Bei aller Skepsis bleibt doch nur die Hoffnung, dass in
2006 endlich die Regierungsprojekte zu greifen beginnen.*) Für
Lahewa waren bis jetzt nur Erfolge der NGOs erkennbar und belegbar: -
Das Holzhausbauprogramm der
französischen Hilfsorganisation ACTED, mit dem Hunderte von
zerstörten Häusern ersetzt werden sollen, ist in vollem Gange.
Überall sind die neuen ACTED- Häuser zu sehen. Pro Haus werden ca. € 2.500,- verbraucht. Das bringt Arbeit und Geld unter die
Leute. -
Das evangelische Hilfswerk LAZARUS baut in Lahewa die staatliche Mittelschule
und ein katholisches Jungeninternat.. Ein deutscher Ingenieur führt die
Bauaufsicht. Die Projekte werden in wenigen Wochen fertiggestellt sein.
Weitere Projekte sind in anderen Teilen von Nias in Arbeit. -
Die katholische Grundschule SD DAYA BARU, 1971 von mir gegründet, wird
neu gebaut. Über der Zufahrt zur Baustelle hängt ein Spanntuch:
AKTION DEUTSCHLAND HILFT..... Mein Nationalgefühl gönnt sich eine
stolze Freudeminute. Sponsoren aus Südtirol und Deutschland haben die
Finanzierung übernommen. Das alte Schulgebäude von 1973 war zu
schwer beschädigt, um noch weiter benutzt zu werden. Schade um die
schöne Schule, in die ich vor 30 Jahren viel Arbeit und Herzblut
investiert hatte. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die neue Schule
viel moderner und schöner werden wird. Zurzeit werden die 180 Kinder in
einem mit Palmblättern überdachten Provisorium unterrichtet, das
hoffentlich bald beendet sein wird. **) Kindern
dieser Schule kommt auch der Erlös einer besonderen Spendenaktion
über ca. € 2000,- aus Aachen zugute:
Die indonesischen Studenten der TH Aachen hatten zusammen mit der Kath.
Hochschulgemeinde (KHG) kurz vor Weihnachten 2005 einen wunderbaren
Kulturabend veranstaltet, dessen
Erfolg ausschließlich Schulkindern zukommen sollte, deren
Unterrichtsbesuch situationsbedingt besonders gefährdet war - eine sehr
präzis plazierte Hilfsaktion, die auf ganz konkreten Bedarf gerichtet
war. -
Über den Neubau der zerstörten kath. Pfarrkirche St. Fidelis ist
sich die Gemeinde noch nicht mit dem Bischofsvertreter P. Barnabas einig. Die
Gemeinde hätte die Kirche gern auf einer Anhöhe erbaut. Die
Diözese macht Kostenprobleme geltend und will auf den alten Fundamenten
wieder aufbauen. Ich habe mich bei P. Barnabas für die Kirche auf dem Berg
eingesetzt, weil das auch der Plan war, der vor 30 Jahren schon hätte
realisiert werden sollen. Man wird hören, was sich ergibt. Inzwischen
wird der Gottesdienst in einer mit Palmblättern gedeckten Notkirche
gehalten.Der Raum ist von der Gemeinde ansprechend hergerichtet, und wir
erlebten an zwei Sonntagen ein volles Haus und sehr schöne
Gottesdienste. Die Gemeinde ist groß geworden und hat inzwischen ein
engagiertes Vorstandsgremium von Leuten, die ich noch als Kinder kannte.
Vorsitzender: Ama Rini , ohne den scheinbar nichts läuft. ***) Hauptberuflich
ist Ama Rini ja Schulleiter der staatl. Grundschule von Lahewa.-Zentrum -
übrigens auch der Chef seiner Frau, die an derselben Schule unterrichtet. Seine Schule, auch zum
größeren Teil zerstört, hat ca 400 Kinder mit Unterricht zu
versorgen. Ein Teil seiner Schüler wird noch unter den allmählich
verrottenden UNICEF- Zelten unterrichtet. Und man hofft sehnlich auf den
fälligen Neubau. Aber das Staatliche Wiederaufbauprogramm lässt auf
sich warten, obwohl überall zu lesen ist, dass die Projektgelder bereit
stünden. Man
scheint sich in den zuständigen Gremien wohl noch nicht einig zu sein,
wie viel man ohne Korruptionsvorwurf in der eigenen Tasche verschwinden
lassen kann. Es ist viel Geld für den Wiederaufbau versprochen, und da
ist mit Begehrlichkeiten und
Beschaffungstricks natürlich zu rechnen. Der Kampf der
politischen Klasse für ein zukünftiges Nias, ist auch ein Kampf um
die eigene persönliche ökonomische Zukunft - mit dem Rücken zur Wand, den
Blick aber immer fest auf den Geldschrank gerichtet....man hat auch kaum eine
andere Wahl als Regierungsbeamter mit den lächerlichen legalen Einkünften...(z.B.
Grundschullehrer verdienen monatlich ca. € 120,--) Fazit
zur Zeit unseres Besuchs Februar 2006: Ohne die Arbeit der privaten und kirchlichen
Hilfsorganisationen brauchte man von Wiederaufbau gar nicht zu sprechen. Das
ist Fakt. Für
Yuni und mich gingen die intensiven Tage im Kreis der Familie und Freunde in
Lahewa zu Ende. Für
Dienstag, den 21.Februar waren Tickets für den Nachmittags-Flug
von Nias nach Medan geordert, und es galt Abschied zu nehmen. Ama Rini, Ina
Risna und zwei Cousins begleiteten uns noch bis zum Flughafen Bhinaka, ca. 20
km südlich von Gunung Sitoli. Uns wurde noch einmal aufgetragen, den
Dank und die Grüße der Familie in Nias an unsere Familien in
Deutschland zu überbringen und allen für ihre großherzige
Hilfe zu danken. Java - Yogya
Nach
Flug und Übernachtung in
Medan der Weiterflug über
Jakarta nach Yogyakarta in Zentraljava, um uns mit der Familie von Yunis
verstorbenem Bruder Ama Fati zu treffen und sein Grab zu besuchen. Ein
Besuch, der doch sehr zu Herzen ging. Ama Fati war im Dezember 2005
unerwartet an einem Schlaganfall verstorben. Seine Frau, Ina Fati muss mit
ihren 4 Kindern alleine zu Recht kommen. Fati (25) als Sängerin mit
ihrer Band viel unterwegs, sorgt schon einige Zeit für sich selbst. Rani
(23) steht vor dem Ende ihres Psychologiestudiums. Dita (20) hat gerade mit
dem Studium der Betriebswirtschaft
begonnen und der „kleine“Bruder Willi (mit 16 schon 1,75 m
groß) besucht die SMA, die gymnasiale Oberstufe. Sie alle tragen ihr
Schicksal sehr tapfer und lassen sich von der Trauer nichts anmerken. Wir
hatten uns 2001 zum letzten Mal gesehen und die Wiedersehensfreude in dieser
besonderen Situation war besonders tröstend für uns alle. Ina Fati
ließ uns spüren, wie gut ihr unser Besuch tat. Besonders
freute sich auch Heri, Ama Rinis zweitältester Sohn, der von knapp einem
Jahr von seinem Onkel Ama Fati
zum Architekturstudium von Nias nach Yogya geholt worden war. Nach dem
unerwarteten Tod des Onkels fürchtete er ein um seine Studienzukunft. Er
ist ein guter Student, und unser Besuch mit den Grüßen des Vaters
aus Nias machte ihm Mut zum Weiterstudium. Außerdem ist er für
Wili ein ganz wichtiger großer Bruder geworden. Fati
hatte eine Straßenecke weiter in dem kleinen, blitzsauberen Hotel
KUSUMA ein Zimmer gebucht, das bequem zu Fuß zu erreichen war. Die
folgenden zwei Tage vergingen wie im Flug. Da war der gemeinsame Besuch am Grab
von Ama Fati auf dem christlichen Friedhof von Yogya, ein Dankesbesuch bei
einer befreundeten Niasfamilie, die sich sehr um die Regelung von Ama Fatis
Beerdigung gekümmert hatte, „Inspektion“ von Heris
Studentenquartier am südlichen Ende der Stadt... Es waren so viele Dinge
zu besprechen, von Nias und Deutschland zu berichten. Gespräche mit den
Mädchen über persönliche Zukunftspläne, Einkäufe von Batiktextilien in
den einschlägigen Geschäften, eine Spezialität von Rani und
Fati. Zum Abschluss noch ein gemeinsames Essen in einem echt javanischen
Restaurant mit exzellenter javanischer Küche... im Rückblick wie
ein Film im Zeitraffer. Java - Surabaya
Aber
der Flug nach Surabaya für Samstag, 25. Februar war gebucht. Nach
herzlichem Abschied von Ina Fati und den Kindern, ein kurzer Flug und wir
fanden uns im Airport von Surabaya wieder, wo uns Khae und Lian, unsere alten
Freunde aus Aachener Zeiten (1978 ff) erwarteten und uns zu ihrem Haus brachten.,
wo genügend Kinderzimmer als Gästezimmer frei waren. Ihre drei
Kinder inzwischen schon alle aus dem Haus, zwei in Sydney und eines in
Vancouver/ Kanada. Lians
Geschwister, drei Brüder, alle mit Studienabschlüssen der TH
Aachen, inzwischen sehr erfolgreiche Geschäftsleute, verwöhnten uns
in den folgenden Tagen mit Einladungen in die Insiderrestaurants der Kenner
chinesischer Küche. Dazwischen ein Tag in der ‚Vila Hebron’,
dem Ferienhaus der Familie in Trawas, einer Art Kurort im kühlen
Bergland, westlich von Surabaya.
Wir waren vier Tage glückliche Gäste der Großfamilie
Ludong. Das Leben kann so schön sein im Kreise von Freunden... Malaysia -
Langkawi
Unser
Visum für Indonesien lief ab. Die Rückreise in Etappen begann am 1.
März mit dem Flug von Surabaya über Kualalumpur nach Langkawi in Nordmalaysia. Die acht Tage in
einem einfachen Chalet am Tropenstrand der Ferieninsel waren gut zum Abspannen
nach den vielen intensiven Besuchstagen bei Familie und Freunden. Chillout
total an einem Bilderbuchstrand.....wenn es denn über Tag nicht so
sonnenheiß gewesen wäre. Sonnenbrand muss ja nicht sein. Das
28° warme Meer war zum Abkühlen nicht geeignet. Trotzdem sind wir
reichlich geschwommen und haben unsere Spaziergänge auf den
kühleren Abend verlegt. Unsere
Bereitschaft zur Rückkehr nach Deutschland wuchs, als eine nicht
näher bekannte Sorte von Sandflöhen Yunis süßes Blut
entdeckten und sich über sie hermachten... Und Juckreiz ist bekanntlich
weniger erfreulich als Liebreiz. Jedenfalls trotz Kenntnis des zu erwartenden
Wetters (sprich: Kälte) in Deutschland, traten wir bereitwillig am
Freitag Mittag unseren Rückflug an und waren nach zwei Zwischenstopps im
schönen Kualalumpur und im langweiligen Doha nach 31 Stunden am Samstagmorgen dem 11.März 6.30 Uhr wieder in Frankfurt, packten
uns fröstelnd in die mitgeschleppten Winterjacken, bestiegen einen ICE
und wurden zwei Stunden später von Christof und Julia am Bahnhof
Eschweiler abgeholt. Ein
paar Stunden später sorgte Klein-Nati dafür, dass Oma und Opa sich
nicht nur in Reiseerinnerungen verloren, sondern sehr glücklich und
besorgt die ersten Gehversuche ihrer Enkelin bewunderten. Das hatten wir doch
fünf Wochen vermisst...! Aus
Eschweiler grüßen euch Klaus
& Yuni ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Nachtrag März 2007: *) Inzwischen
gibt es gute Nachrichten aus Nias über den Wiederaufbau. Der staatlich
koordinierte Wohnungsaufbau ist überall angelaufen. Schulen und
Polikliniken sind im Bau. Der Bau-Boom hat die Baumaterialien sehr verteuert,
und die Bauaufsicht hat alle Hände voll zu tun, um die Einhaltung der
Projektauflagen zu kontrollieren. Der Strassen- und Brückenbau
kommt gut voran - so „gut“, dass der schneller gewordene
Autoverkehr vermehrt zu schweren Unfällen führt, die früher eher
selten waren. In zwei Jahren 2009 soll der Aufbau der Infrastrukturvorhaben
beendet sein, für die dann die stattliche Summe von ca. € 1 Mrd.
verbraucht sein wird. ( > Fotos) **) Der Neubau der SD DAYA BARU ist
fertiggestellt, und seit Februar 2006 werden die Kinder in ihrem neuen
Schulgebäude unterrichtet. ***) Mit dem Kirchenneubau wurde
Mitte 2006 begonnen. Die Kirche wird auf der von der Gemeinde favorisierten
Anhöhe errichtet, und den Gemeindemitgliedern werden viele Tage und
Stunden Gemeinschaftsarbeit abverlangt. Man will bis zum September 2007
fertig sein (> Fotos) |
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